Eine Schauspielerin ist gestorben. Vermutlich eine Überdosis, Genaues weiß niemand, aber das hält niemanden auf. Titelseiten, Push-Nachrichten, Timelines, Nachrufe, Spekulationen über das letzte Jahr, über die Menschen um sie herum, über Tabletten. Das läuft jetzt seit Tagen und es hört nicht auf, es wird lauter.
Ein Mensch ist gestorben. Das ist traurig, und ich will das nicht kleinreden.
Was mich beschäftigt, ist die Menge. Über den Welthunger wird nicht annähernd so viel geschrieben. Es gibt Wellen. Ein Bericht erscheint, ein Foto aus einer Hungerregion geht herum, zwei Tage lang steht es irgendwo. Dann ist es vorbei.
Was in den Berichten steht
Der UN-Welternährungsbericht vom Juli dieses Jahres zählt 645 Millionen hungernde Menschen, 7,8 Prozent der Weltbevölkerung. Global ist das gesunken, das dritte Jahr in Folge, um knapp 14 Millionen gegenüber dem Vorjahr.

Nur ist der Rückgang sehr ungleich verteilt. Er passiert in Asien und Lateinamerika. In Afrika hungert weiter jeder Fünfte, und erstmals seit Beginn der Erhebung leben dort mehr hungernde Menschen als in Asien, 309 Millionen gegenüber 292 Millionen. Der Welthunger-Index zählt 27 Staaten, in denen der Hunger seit 2016 wieder zugenommen hat.
Die eine Zahl, die es gelegentlich in eine Meldung schafft, geht nach unten. Genau deshalb schafft sie es. Was darunter liegt, geht in manchen Regionen nach oben, und das schafft es nicht.
Das Ziel heißt 2030
Die Vereinten Nationen haben sich 2015 einstimmig auf siebzehn Nachhaltigkeitsziele geeinigt. Ziel Nummer zwei heißt Zero Hunger und hat eine Jahreszahl: 2030. Kein Mensch soll dann mehr hungern.
Wir sind jetzt vier Jahre davor. Ein Blick auf das Tempo genügt.
Von 2008 bis 2016 sank der globale Welthunger-Indexwert von 23,5 auf 19,0, also um 4,5 Punkte. Von 2016 bis 2025 sank er von 19,0 auf 18,3, also um 0,7 Punkte. In fast einem Jahrzehnt. Die schnelle Phase liegt hinter uns, nicht vor uns.
Rechnet die Welthungerhilfe dieses Tempo hoch, kommt sie auf zwei Zahlen. 56 Länder werden das Ziel eines niedrigen Hungerniveaus bis 2030 verfehlen. Und global wäre Zero Hunger im Jahr 2137 erreicht.
Ein Ziel, das die Weltgemeinschaft einstimmig für 2030 beschlossen hat, wird beim aktuellen Tempo 107 Jahre zu spät erreicht.
Auch die konservativere Rechnung sieht nicht besser aus. Welthungerhilfe-Generalsekretär Mathias Mogge geht davon aus, dass beim derzeitigen Trend auch 2030 noch 510 bis 520 Millionen Menschen chronisch unterernährt sein werden. Von heute 645 Millionen aus wäre das ein Rückgang um rund ein Fünftel. Das Ziel lautet null.
Dazu kommt Gegenwind. Die öffentliche Entwicklungshilfe der Geberländer ist 2025 gegenüber dem Vorjahr um 23,1 Prozent gesunken. Ein Viertel weniger Mittel in einem einzigen Jahr, während der Bedarf steigt.
Nein, wir schaffen das nicht.
Warum das trotzdem keine Schlagzeile ist
Hunger ist kein Ereignis. Er passiert nicht, er ist einfach da. Und was einfach da ist, hat keinen Nachrichtenwert. Ein verfehltes Ziel ist auch kein Ereignis, es ist ein langsames Auseinanderdriften von Absicht und Wirklichkeit, über Jahre, ohne Moment.
Dazu kommt etwas Zweites, das der Sozialpsychologe Paul Slovic untersucht hat. Er nennt es psychic numbing. Unser Mitgefühl reagiert auf ein Gesicht. Auf einen Namen, eine Stimme, eine Geschichte mit einem Ende. Es reagiert kaum auf eine Zahl, und je größer die Zahl wird, desto schwächer wird die Reaktion. In einer Studie seiner Arbeitsgruppe spendeten Menschen für ein benanntes Kind mehr als für zwei benannte Kinder. Nicht anteilig weniger, sondern insgesamt weniger. Der Rückgang beginnt beim zweiten Kind.
Mitgefühl skaliert nicht. Es funktioniert im Maßstab eins.
645 Millionen kann ich nicht fühlen, die Zahl rutscht ab. Ein Gesicht, das ich seit Jahren kenne, greift sofort. Die Redaktionen machen nichts falsch. Sie machen das, was funktioniert.
Und was funktioniert, bestimme ich mit.
Aufmerksamkeit ist auch Konsum
Ich rede hier oft über bewussten Konsum. Über Geräte, die man repariert. Über Software, die einem nicht die Aufmerksamkeit absaugt. Über die Frage, was man wirklich braucht.
Aufmerksamkeit gehört dazu, und sie ist knapper als Geld. Jeder Klick auf einen Nachruf, den ich nicht brauche, ist eine Stimme dafür, dass davon mehr produziert wird. Drei Wochen Spekulation über Tabletten sind eine Meldung wert. Ein einstimmig beschlossenes Ziel, das um 107 Jahre verfehlt wird, ist es nicht.
Ich werde den Hunger nicht beenden, indem ich einen Bericht lese. Illusionen mag ich nicht.
Aber ich kann aufhören, die Verteilung der Aufmerksamkeit für eine Naturkonstante zu halten. Sie ist eine Summe aus Millionen kleiner Entscheidungen. Ein paar davon sind meine.
Quellen
- FAO, IFAD, UNICEF, WFP, WHO (2026): The State of Food Security and Nutrition in the World 2026. Rom, 14. Juli 2026. Bericht · Pressemitteilung
- Welthungerhilfe, Concern Worldwide, IFHV (2025): Welthunger-Index 2025. 9. Oktober 2025. Übersicht · Einordnung · PDF
- Action Against Hunger (2026): Statement in Response to the SOFI Report. 21. Juli 2026. Link
- SRF (2026): Millionen im Griff des Hungers. Link
- Slovic, P. (2007): "If I look at the mass I will never act": Psychic numbing and genocide. Judgment and Decision Making, 2(2), S. 79 bis 95. Cambridge Core
- Västfjäll, D., Slovic, P., Mayorga, M., Peters, E. (2014): Compassion Fade. PLoS ONE, 9(6), e100115. Open Access