Neulich hatten wir eine Diskussion, ob der Trend Minimalismus vorbei bzw. out ist und sich für Nachhaltigkeit nur noch die wenigsten interessieren. Das Gefühl kenne ich. Minimalismus wirkt wie der große Hype der 2010er Jahre, der sich erledigt hat. Levi Hildebrand und Matt D'Avella, zwei bekannte Stimmen zu Konsum und Minimalismus, haben innerhalb weniger Monate beide ein Video zum wiederverwendbaren Trinkflasche-Trend gemacht: "The Reusable Water Bottle Trend is DEAD" und "The water bottle trend has gone too far". Unabhängig voneinander, zum selben Objekt. Fühlt sich weniger nach neuer Erkenntnis an als nach einem Feld, das sich im Kreis dreht.
Bei Nachhaltigkeit ist der Eindruck ähnlich. Aktuelle geopolitische Entwicklungen lassen das Thema kleiner wirken, als wäre gerade kein Platz mehr dafür.
Ich glaube trotzdem nicht, dass beide tot sind. Sie häuten sich nur gerade. Die performative Version, die man fotografiert und postet, verliert an Reiz. Die praktische Version, die einfach fragt "brauche ich das wirklich, oder reicht das, was ich habe", gewinnt an Boden. Das ist kein Trend, der vorbeizieht. Das ist die Grundfrage, um die es die ganze Zeit ging.
Zwei Ebenen
Die eine ist Ästhetik. Leere Räume, monochromes Weiß, kuratierte Wohnungen. Teuer, wenige Stücke, aber trotzdem gekauft. Wer wenig besitzt, aber nur Hochpreisiges, ist nicht automatisch nachhaltig.
Genau das zeigt das Trinkflasche-Beispiel. Was als Alternative zu Einwegplastik begann, Stanley Cup, Owala, Hydro Flask, ist selbst zum Sammelobjekt geworden. Hildebrand hat das Muster wenig später beim Jutebeutel wiederholt. Auch der wird gesammelt statt benutzt, und ein Jutebeutel, der nur einmal im Schrank liegt, hat eine schlechtere Ökobilanz als die Plastiktüte, die er ersetzen sollte.
Die andere Ebene ist Verhalten. Der Trend "Underconsumption Core" wächst. Es geht nicht um schöne Reduktion, sondern um maximale Nutzung dessen, was schon da ist. Durchstöbere deinen eigenen Schrank. Repariere, was kaputt ist, bevor du etwas Neues kaufst. Das ist näher an Counter-Convenience als jede minimalistische Wohnzimmer-Fotografie.
Und die Regeln ziehen nach
Ab September 2026 darf niemand mehr pauschal mit "nachhaltig" oder "klimaneutral" werben, ohne das zu belegen. Ende Juli 2026 tritt das Recht auf Reparatur in Kraft. Reparierbarkeit wird damit zu einem echten Kaufkriterium, wichtiger als der Anschaffungspreis.
Quellen
- Levi Hildebrand: "The Reusable Water Bottle Trend is DEAD", 2. Juli 2026
- Matt D'Avella: "The water bottle trend has gone too far", 11. Dezember 2025
- Levi Hildebrand: "Tote bags are the dumbest consumerist trend", 23. Juli 2026
- ad-hoc-news.de: EU-Gesetze und Minimalismus verändern den Konsum, zu EU-EmpCo-Richtlinie, Recht auf Reparatur und Underconsumption Core