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Alltag

Viel sagen, wenig machen: Nothing und die Nachhaltigkeit

Carl Pei ist der Gründer von Nothing. Er hat vor ein paar Jahren einen Satz gesagt. Der geht mir seither nicht mehr aus dem Kopf. Auf die Frage nach Nachhaltigkeit sagte er sinngemäß: Es gibt viel Greenwashing in der Branche. Nothing wolle anders sein. Viel machen, wenig dazu sagen.

Ein kluger Satz. Fast zu klug. Denn genau daran lässt sich ein Unternehmen messen. Und genau daran habe ich es jetzt gemessen. Ungeplant.

Mein Ausgangspunkt

Ich nutze mein Nothing Phone (1) seit gut zwei Jahren. Vor Kurzem hat sich die Rückschale sichtbar vom Gehäuse gelöst. Ein klassisches Bild für einen aufgeblähten Akku. Ich habe das Gerät sofort vom Netz genommen. Dann den Hersteller kontaktiert. Sachlich, mit allen Gerätedaten, mit klarem Hinweis auf die Sicherheitsrelevanz.enter image description here

Die Antwort kam schnell und freundlich. Verständnisvoll formuliert, mit Lob für mein vorsichtiges Verhalten. Und dann der eigentliche Inhalt: Das Gerät ist außerhalb der Garantie. Eine Reparatur gibt es nur kostenpflichtig. Der Weg dorthin: ein RMA-Code, ein Formular, eine Einsendung. Danach bis zu 15 Werktage, bevor überhaupt ein Kostenvoranschlag steht. Zu den Kosten selbst: keine Aussage möglich.

Der Blick auf andere

Ich wollte wissen, ob das ein Einzelfall ist. Ist es nicht. Auf Trustpilot zeigt sich ein wiederkehrendes Bild. Viele Nutzer beschreiben den Support als schwer erreichbar. Den Rückgabeprozess als frustrierend. Reparaturanfragen als zäh und teuer. Ein Fall gleicht meinem fast bis ins Detail: Erst heißt es, ein Ersatzteil sei nicht vorrätig. Dann wird trotzdem eine kostenpflichtige Reparatur vorgeschlagen. Obwohl angeblich gar keine Teile da sind. Am Ende gibt es einen Rabatt von 10 Prozent. Nach Wochen ergebnislosem Hin und Her.

Der iFixit-Gedanke

Es gibt für mein Gerät sogar eine offizielle iFixit-Anleitung zum Akkutausch. Das allein ist schon ein Statement. iFixit vergibt Reparierbarkeits-Scores, dokumentiert Schritt für Schritt, wie man selbst ran kann. Das Nothing Phone (1) schneidet dabei nicht schlecht ab, zumindest im Vergleich zu vielen anderen Herstellern, die ihre Geräte am liebsten komplett verklebt und ohne jede Anleitung ausliefern würden.

Aber genau das macht den Widerspruch so deutlich. Auf der einen Seite ein Gerät, das technisch reparierbar ist, dokumentiert von einer unabhängigen Community, die sich seit Jahren für genau dieses Recht einsetzt. Auf der anderen Seite ein Hersteller, der bei einem konkreten Sicherheitsfall lieber auf einen 15-Werktage-Prozess mit ungewissem Ausgang verweist, statt selbst kulant und schnell zu handeln. Die Reparierbarkeit ist da. Sie kommt nur nicht vom Hersteller selbst, sondern von einer Community, die sich die Mühe macht, dort weiterzuhelfen, wo der Hersteller es nicht tut.

Das sagt am Ende mehr über das Selbstverständnis eines Unternehmens aus als jede Marketingaussage: Ob es die eigene Reparierbarkeit als echtes Versprechen an die Kundschaft versteht, oder ob es sich einfach nur gerne dokumentieren lässt, während der eigentliche Ernstfall an anderer Stelle landet.

Nachhaltigkeit heißt mehr als Recycling-Verpackung

Nothing wirbt mit reparierbarem Design. Mit Transparenz. Mit einem Gegenentwurf zur Wegwerf-Kultur der großen Hersteller. Das klingt gut. Ich glaube auch, es war ehrlich gemeint, als das Unternehmen gegründet wurde. Aber echte Nachhaltigkeit zeigt sich nicht im Marketing. Auch nicht im Design der Verpackung. Sie zeigt sich in dem Moment, in dem ein Kunde mit einem echten, potenziell gefährlichen Defekt vor der Tür steht. Und fragt: Was jetzt?

Genau da müsste ein Hersteller mit Nachhaltigkeitsanspruch glänzen. Mit schneller, unkomplizierter, kulanter Hilfe bei einem Sicherheitsproblem. Das würde die Lebensdauer des Geräts verlängern, statt es zum Elektroschrott zu machen. Stattdessen: ein Prozess, der eher zermürbt als hilft. Ein Prozess, der strukturell eher zur Neuanschaffung führt als zur Reparatur.

Das ist die eigentliche Frage, die mich beschäftigt: Es reicht nicht, ein Gerät reparierbar zu designen. Nicht, wenn der Weg zur tatsächlichen Reparatur so mühsam ist, dass die meisten Menschen am Ende doch aufgeben und etwas Neues kaufen. Reparierbarkeit auf dem Papier ist eine Sache. Reparierbarkeit in der Praxis eine andere. Genau in diesem Unterschied liegt der Unterschied zwischen echter Nachhaltigkeit und Greenwashing.

Was ich daraus mitnehme

Ich habe die angebotene Reparatur über den offiziellen Kanal abgelehnt. Nicht aus Prinzip gegen den Hersteller. Sondern weil ein Prozess, der 15 Werktage bis zu einem unverbindlichen Kostenvoranschlag braucht, für mich kein Zeichen von echter Kundenorientierung ist. Eher von einem System, das auf Zermürbung setzt statt auf schnelle Lösung.

Ein Unternehmen, das sagt, es wolle viel machen und wenig dazu sagen, muss sich irgendwann daran messen lassen, was es tatsächlich tut. Dann, wenn ein Kunde es wirklich braucht. Bei mir hat dieser Test, jedenfalls bisher, nicht bestanden.

Quellen:

  • Carl Pei im Interview mit GIGA (2023): „In Deutschland muss man sich Vertrauen erarbeiten"
  • Trustpilot-Bewertungen zu nothing.tech: trustpilot.com/review/nothing.tech
  • Wikipedia-Eintrag zum Unternehmen: Nothing (company)